Das Sparen an der Kultur

Als Bund und Länder sich kürzlich über die Gesundheitsreform zu verständigen hatten, forderte die saarländische Ministerpräsidentin, so war in der Presse zu lesen, höhere Zuschüsse des Bundes für die Krankenhäuser mit der Begründung, schließlich hätten diese die jährlich für den öffentlichen Dienst vereinbarten Lohnerhöhungen zu finanzieren; das sei aus eigenen Mitteln kaum möglich. So richtig dies ist, so sehr ist es aus Sicht der Kultur mehr als bemerkenswert. Denn ab Ende der 1990er Jahre gehörte die Weigerung von Ländern und Kommunen, den Theatern und Orchestern die Zuschüsse für die von diesen Rechtsträgern selbst verfügten Lohnerhöhungen zu erhöhen, zum Standardrepertoire. Die Konsequenz dieser damaligen Kulturpolitik: Personalabbau, Haustarifverträge mit Lohnkürzungen, Arbeitsintensivierung.

weiterlesen …

Nun stehen die Sparszenarien wieder auf der Tagesordnung (s. auch https://stadtpunkt-kultur.de/2024/12/weniger-oeffentliches-geld-fuer-kunst-uns-kultur-ein-blick-auf-alt-bekannte-vorschlaege-in-neuen-gewaendern/) Der Bühnenverein hat bereits seinen Theatern, Orchestern und deren Rechtsträgern einen Zukunftspakt empfohlen, mit dem vor Ort Strategien entwickelt werden, die die Zukunft der Kultureinrichtungen auch unter veränderten finanziellen Rahmenbedingungen sichern können (siehe dazu: https://www.buehnenverein.de/media/filer_public/5e/ce/5ecee8a3-fa1a-4e3f-9d53-a1c5de44f4fe/zukunftspakt_buehne_deutscher_buehnenverein.pdf.) Dies soll der Entwicklung früherer Jahre, die aus einem eher willkürlichen, ungeordneten Rückgang der finanziellen Ressourcen bestand und viele Kultureinrichtungen vor gewaltige Probleme stellte, vorbeugen. Der geordnete und vereinbarte Sparplan ist da die jetzt in Aussicht genommene Perspektive.

Die Pläne der Stadt Essen

Das scheint aber nicht überall so ohne Weiteres zu funktionieren. Plötzlich war in Essen davon die Rede, man ziehe in Erwägung, das feste Schauspielensembles des dortigen städtischen Grillo-Theaters aus Spargründen abzubauen. Grund: Die Personalkosten steigen stetig aufgrund der Tarifbindung. Nur steht hier nicht, wie im Gesundheitssystem, der Bund bereit, für die Kultur etwas zuzuschießen, Kultur ist schließlich Ländersache. Doch zum Abbau des Schauspielensembles kam es nicht. Vielmehr sollen die Einnahmen erhöht werden durch eine höhere Auslastung und die Produktionskosten gesenkt werden zum Beispiel durch weniger Produktionen. Aber es ist auch von „Restrukturierungsmaßnahmen“ die Rede. Und bevor sich jemand fragt, was das sein könnte, nennt die einschlägige Pressemitteilung auch gleich die Maßnahmen im Personalbereich, die es anzuwenden gelte, etwa „Verzicht auf die Verlängerung befristeter Verträge“ oder „Nicht-Nachbesetzung freiwerdender Stellen“. Also kein Ensemble-Abbau, aber dennoch weniger Personal!

Wie wird weniger mehr?

Man darf daran erinnern: Auch bei den oben erwähnten seinerzeitigen Sparszenarien versuchten die Theater, die Einnahmen zu erhöhen. Das gelang zwar, blieb aber eindeutig hinter den Kostensteigerungen zurück. Die verbliebenen Lücken im Haushalt wurden dann zur Vermeidung des Personalabbaus durch Gehaltsverzicht der Belegschaft und durch eine zunehmende Anzahl von unständigen Beschäftigten kompensiert. Insofern darf man gespannt sein, wie die Theater- und Philharmonie GmbH in Essen, kurz die TUP, in den zukünftigen Jahren zu Werke geht, um die anstehenden Budgetprobleme in den Griff zu bekommen. Welche Herausforderungen der TUP ins Haus stehen, erfährt der interessierte Beobachter beim Blick in die Stadtratsvorlage. 1,3 Millionen Euro sollen bis zur Spielzeit 2030/31 durch mehr Vorstellungen bei geringerer Anzahl von Produktionen erwirtschaftet werden. Hinzukommt eine angenommene Steigerung der Ticketeinnahmen von 2,4 Millionen Euro. Mithilfe einer „strukturelle(n) Reduktion von Leerlaufkosten und Krankheitstagen“ sollen die Kosten um 1,7 Millionen Euro gesenkt werden; das Rezept verschreibt als Medizin die Verbesserung von „Zeitwirtschaft und Gesundheitsmanagement“. Auf insgesamt 6,68 Millionen Euro beziffert die Vorlage das Optimierungspotential bis zum Ende der Spielzeit 2030/31. Ehrgeizige Ziele, die für die Theaterleitung und alle Mitarbeiter eine große Herausforderung sein werden, zumal diese Schritte alleine, so die Ratsvorlage, nicht reichen werden.

Populäre Programme?

„Die Auslastung soll über populäre Programme und einen effizienten Marketingeinsatz gesteigert werden.“, lautet die weitergehende Forderung. Das lässt aufhorchen. Denn eine entscheidende Frage für alle Theater wird auch aus meiner Sicht sein, wie in Zukunft mehr Zuschauer erreicht werden können. Sie zu beantworten, wird in der Tat kaum möglich sein, ohne die Programmfrage zu stellen. Allerdings hilft nur die Forderung nach populären Produktionen kaum weiter. Es geht ja nicht um eine „Swiftisierung“ des Theaters. Es werden keine öffentlichen Zuschüsse in mehrfacher Millionenhöhe gezahlt, damit Helene Fischer im Stadttheater auftritt. Die öffentlichen Gelder fließen, um künstlerisch unabhängig zu sein, um das Personal, allen voran Schauspieler, Sängerinnen, Musikerinnen und Tänzer, zu bezahlen. Sie fließen aber vor allem, um dem Publikum ein anspruchsvolles künstlerisches Programm anbieten zu können. Was kommerziell ein Selbstläufer ist, braucht die Unterstützung der öffentlichen Hand hingegen eher nicht.

Doch was will das Publikum eigentlich sehen? Theater muss immer der Unterhaltung dienen, für Bertolt Brecht ist das seine „nobelste Funktion“. Deshalb soll es, so schreibt er in Kleines Organon für das Theater, „lebende Abbildungen von überlieferten und erdachten Geschehnissen zwischen Menschen“ herstellen. Das Theater müsse auch „das Moralische vergnüglich, und zwar den Sinnen vergnüglich machen“. Es gehe im Theater um „nichts Nützlicheres, als wie man sich genussvoll bewegt, in körperlicher und geistiger Hinsicht.“ Wo solche Überlegungen ernst genommen werden, sind die Theater gut besucht. Spielfilme, zuweilen auch Fernsehfilme, zeigen jeden Tag, dass Unterhaltung und künstlerisch-inhaltlicher Anspruch sich nicht ausschließen.

Vielleicht sollten das die Theater in Zukunft wieder etwas ernster nehmen. Denn angesichts einer kaum aufzuhaltenden künstlichen Intelligenz, eines Verschwindens des Analogen im täglichen Leben, des Verschwimmens zwischen Wahrheit und Fake in der digitalen Welt wird das Bedürfnis nach wahren Bildern, nach dem Vorspielen durch echte, im Raum präsente Menschen mehr und mehr zunehmen. Nur noch das Analoge garantiert wirklich zu sein. Die Theater, aber auch die Musik und die bildende Kunst, sollten sich darauf besinnen. Sie sollten sich weiterhin spielerisch mit der Welt auseinandersetzen. So werden die Orte der Künste vielleicht in einem ganz anderen Sinne in Zukunft populärer sein, als sie es heute manchmal sind.

Die Gewerkschaften

Die Politik der für die Theatermitarbeiter und -mitarbeiterinnen verhandelnden Künstlergewerkschaften hatte in den letzten Jahren vor allem ein Ziel: die Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Mehr Lohn, mehr Vertragssicherheit, geregeltere Arbeitszeiten waren die Devise. Das ist durchaus verständlich. Denn der Normalvertrag (NV) Bühne, der insbesondere die Arbeitsverhältnisse der Künstlerinnen und Künstler am Theater tarifvertraglich regelt, lässt zahlreiche Freiheiten, um die notwendige Flexibilität für das künstlerische Schaffen sicherzustellen. Die oben beschriebene Sparpolitik der späten 1990er und frühen 2000er Jahre sitzt den Künstlergewerkschaften noch reichlich in den Knochen, zumal die Rechtsträger der Theater seinerzeit darauf drängten, die im einschlägigen Tarifvertrag verankerten künstlerischen Freiheiten zu Rationalisierungszwecken zu nutzen, um nicht zu sagen, zu missbrauchen. Ob die Gewerkschaften sich und ihren Mitgliedern mit einer uneingeschränkten Fortsetzung des Kurses massiver tariflicher Verbesserungen aber wirklich einen Gefallen tun, darf bezweifelt werden. Wer immer mehr zugunsten der Beschäftigten an den Arbeitsbedingungen herumschraubt, wird wohl letztlich doch dem Abbau der Ensembles weiteren Vorschub leisten. Die drohende Entlassung des Schauspielensembles des Essener Grillo-Theaters ist da nur die Spitze des Eisbergs. Gefordert ist jetzt Augenmaß von allen, den Theatern, den Rechtsträgern, aber eben auch den Gewerkschaften.

Michel Friedman in Bayreuth

Zum 150. Jubiläum der Bayreuther Festspiele hat Michel Friedman eine sehr persönliche und bemerkenswerte Ansprache gehalten, gegen Antisemitismus, für eine dezidierte Aufarbeitung der Geschichte des Festivals sowie gegen den immer stärker werdenden Rechtsruck hierzulande. Er war mit seinen so wichtigen Ausführungen schon fast zu Ende, als er ihnen Folgendes hinzufügte: „Es wäre wünschenswert, dass die Vulgarität, die Aggression, die Ich-Bezogenheit, der Egoismus in diesem Land wieder ersetzt werden durch Respekt, Liebe und Anerkennung, auch eine Anerkennung für unsere vielen Festspielorte: Das sind die Theater im Land, die Opern, die Universitäten, die Museen und die Schulen.“ Deutlicher lässt sich ein Aufruf kaum formulieren an alle die, die wir immer wieder daran erinnern müssen, dass öffentliche Gelder für diese Einrichtungen kein Luxus, sondern Investitionen in das Wissen und die Kultur unserer Gesellschaft sind. Beides werden wir weiterhin brauchen. Daran zu sparen, geht in die falsche Richtung.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.