Was die Privattheater leisten, auch ein Nachruf auf Horst Johanning

Als kürzlich in Essen erwogen wurde, das städtische Schauspielhaus zu schließen, fand das zurecht einiges an überregionaler Aufmerksamkeit. Nicht anders ging es der Stadt Bonn, die zunächst die städtische Oper infrage stellte, dann aber doch eher die Stadttheater-Sparte Schauspiel abschaffen wollte. Dass auch dieser Vorschlag gerade einmal eine Halbwertzeit von drei Wochen hatte, verdankte man nicht nur dem lokalen Widerstand der Bürgerschaft und des Theaters selbst, sondern auch der kritischen Berichterstattung in den bundesweiten Medien. Ganz anders ging es dem Theater im Rathaus in Essen, einem Privattheater. Als das im Sommer dieses Jahres wegen mangelnder Unterstützung der Stadt nach 35 Jahren seine Tore schließen musste, nahm davon kaum jemand außerhalb Essens Notiz. Auch die drohende Insolvenz des privat geführten Bonner Euro Theaters Central, einer Institution des literarischen Theaters, scheint jenseits der Stadtgrenzen nur wenige zu erregen. Nun starb ebenfalls in dieser Stadt einer der Doyens des deutschen Privattheaters, Horst Johanning. Immerhin war dies dem Theaterportal nachtkritik eine Meldung ebenso wert, wie in der Theaterzeitschrift Die deutsche Bühne ein einfühlsamer Nachruf erschien (https://www.die-deutsche-buehne.de/aktuelles/nachruf-horst-johanning/). Und doch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren: Die deutschen Privattheater werden in der öffentlichen Meinungsbildung eher stiefmütterlich behandelt, auch wenn sie sich beim Publikum meist großer Beliebtheit erfreuen. Grund genug, einmal der Frage nachzugehen, was sie hierzulande leisten.

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Unternehmergeist und Beharrlichkeit

Also bleiben wir zunächst bei Horst Johanning. Er leitete das bereits 1950 von Kurt Hoffmann gegründete Contra-Kreis-Theater in Bonn, zunächst zusammen mit dessen Tochter Katinka Hoffmann, die 2021 verstarb, später dann als alleiniger Geschäftsführer. Zudem war Horst Johanning Schauspieler und Regisseur, aber auch Autor und Übersetzer. Und er war eine Theaterpersönlichkeit, die nicht davor zurückschreckte, bedingungslos für die Privattheater hierzulande einzustehen. Fast 20 Jahre lang war er Vorsitzender der Privattheatergruppe im Deutschen Bühnenverein, 16 Jahre davon Vizepräsident dieses Theaterverbandes, der zu den größten und ältesten der Welt gehört. All die Zeit habe ich als damaliger Direktor des Bühnenvereins mit ihm zusammengearbeitet. 88 Privattheater umfasst die Privattheatergruppe, ihr Vorsitzender ist heute René Heinersdorff. Was Horst Johanning in dieser Funktion des Privattheater-Repräsentanten auszeichnete, war seine Beharrlichkeit und stets freundliche Bestimmtheit, mit der er die Interessen seiner Klientel vertrat. Kaum eine unserer zahlreichen gemeinsamen Sitzungen verging, ohne dass er dem gesamten Präsidium oder auch anderen Bühnenvereinsgremien abverlangte, zu bedenken, es gebe doch bitte neben den großen staatlichen und städtischen Bühnen diese mit Unternehmergeist geführten Privattheater. Und wer das Contra-Kreis-Theater besuchte oder mit ihm über seine dortige Arbeit sprach, konnte erleben, mit wieviel Herzblut hier ein Theaterleiter zu Werke ging. Überheblichkeit, hermetische Distanz zum Publikum war ihm zuwider. Wer das Theater betritt, verspürt Weltoffenheit, Heiterkeit und Herzlichkeit, Qualitäten, die auch die soeben stattgefundene Trauerfeier für Horst Johanning eindrucksvoll prägten.

Ich glaube, es ist dieser Unternehmergeist, der ihn stets an der Arbeit im Privattheater fasziniert hat. Dafür ist das Contra-Kreis-Theater ein gutes Beispiel. Mal gerade knapp 150.000 € öffentliche Zuwendung von der Stadt Bonn und dem Land NRW standen dem Haus nach der letzten Theaterstatistik des Deutschen Bühnenvereins zur Verfügung. Der Rest des Gesamtbudget von etwa einer Million Euro musste an der Abendkasse in jährlich 250 Vorstellungen erwirtschaftet werden. Das muss man erst einmal schaffen in einem Theaterraum mit 251 Plätzen. Gespielt wird, wie in vielen Privattheatern, en suite. Über eine Zeit von meist mehreren Wochen läuft täglich die gleiche Vorstellung. Die Schauspieler werden für jede Produktion befristet neu engagiert, aber, wie es sich geziemt, in der Regel als Arbeitnehmer beschäftigt. Sie bekommen eine fest zugesagte Vergütung, für sie werden Sozialabgaben bezahlt und sie sind in der Bayerischen Versorgungskammer zusatzversichert für die Rente und eine hoffentlich jedem Künstler und jeder Künstlerin ersparten Berufsunfähigkeit. Ist die Produktion abgespielt, wandert sie oft nicht einfach in den Fundus, sondern wird von einem anderen Privattheater übernommen. So lief hier im Bonner Contra-Kreis-Theater kürzlich Kalter weißer Mann,ein Stück der Extrawurst-Autoren Jacobs/Netenjakob, produziert von den Heinersdorff-Betrieben dem Theater am Dom in Köln und der Komödie im Bayerischen Hof in München. Auch Kooperation ist also für die Privattheater alles andere als ein Fremdwort.

Ein Orden für die Komödie

Mit diesem Stück gelangt man zu dem, worum es eigentlich geht, nämlich dem Programm, das auf der Bühne der Privattheater dem Publikum geboten wird. Viele dieser Theater sind sogenannte Boulevard-Theater, die sich weitgehend der Komödie verschrieben haben. Schon dafür gebührt ihnen eigentlich ein Orden. Denn es ist schon eine große Herausforderung in diesem zuweilen zur Humorlosigkeit neigenden Land, sich regelmäßig in das Gebiet des Komischen vorzutasten. Die Grenze zwischen lustig und heiter einerseits und einem schlechten Scherz andererseits ist ein hauchdünner Strich. Natürlich geht einmal etwas daneben. Man lacht dann leider unter Niveau. Aber auch das kann die Selbsterkenntnis fördern, spätestens wenn beim abendlichen Absacker in der Küche die geliebte Gattin die Frage aufwirft, was es denn da eigentlich über diesen oder jenen missratenen Scherz zu lachen gegeben habe.

Vieles jedoch gelingt im Sinne eines der Aufklärung und Wahrheitsfindung dienenden Humors. Stücke, die später große deutsche Filmerfolge wurden, waren schon lange vor ihrem Erscheinen auf der Kinoleinwand etwa im Contra-Kreis-Theater zu sehen. Zu nennen sind beispielsweise Extrawurst, auch Frau Müller muss weg, Der Vorname oder Wir sind die Neuen, alles well made plays im besten Sinne. Dort wagte man sich schließlich sogar an Florence Forster Jenkins,eine Filmadaption, in der es um eine Frau geht, die partout Opernsängerin werden möchte, aber kaum einen Ton richtig trifft. Es war eine großartige Hommage an die Oper, das Publikum lachte Tränen, war kaum noch zu halten. Und die Aufführung von The whole Shakespeare in two hours, die im Contra-Kreis-Theater und im Theater am Dom zu sehen war,gelang aus meiner Sicht deutlich besser als die Produktion dieses Stückes, die ich vor vielen Jahren im Londoner Westend gesehen habe.

Stets bemühen sich diese Bühnen zugleich um ernstere Stoffe. Ich erinnere mich gut etwa an das Stück Waldspaziergang des Amerikaners Lee Blessing, in dem es um das Thema atomare Abrüstung geht und das mich nachhaltig beeindruckt hat. Oft spielen in den Aufführungen aus Film und Fernsehen bekannte Schauspieler mit, damals beim Waldspaziergang der großartige, mittlerweile verstorbene Charles Regnier. Den Privattheatern wird das gern als Werbemittel ausgelegt, eine Idee, auf die am Broadway kein Mensch käme. Wer seine Schauspieler oder Schauspielerinnen liebt, will sie auch auf der Bühne bewundern, für das Publikum das Normalste der Welt.

Die Vielfalt ist groß

Natürlich gibt es Privattheater, die auf anderer Strecke unterwegs sind. Das sind vor allem die Berliner Schaubühne und das Berliner Ensemble, die jedoch fast staatstheatergleich durch das Land Berlin unterstützt werden. Besonders zu erwähnen ist vor allem das Hamburger Ohnsorg-Theater, das sich der Pflege des Plattdeutschen verschrieben hat. 2011 eröffnete es seine neue Spielstätte mit einem in Mundart aufgeführten Sommernachtstraum. Zugleich gibt es viel Schräges, Ausgefallenes, Extravagantes in den deutschen Privattheatern wie beispielsweise im Hamburger Schmidts Tivoli oder im Malente-Palast in Bonn. Gerade das dient dem Grundsatz Bleibt heiter!, nicht das Schlechteste in diesen Zeiten. Manches Haus arbeitet dabei ohne jegliche öffentliche Förderung.

Dennoch sollten sich Länder und Kommunen sehr wohl überlegen, ob Kürzungen von öffentlichen Zuwendungen bei den Privattheatern wirklich das Gebot der Stunde sind. Ohne Kunst und Kultur geht den Städten die Luft aus, sie sind angewiesen auf ihre Theater, ob städtische oder staatliche Bühnen, freie Szene oder eben auch die Privattheater. Denn gerade sie halten die Komödie am Leben, ganz im Sinne von Aristoteles, dessen zweites Buch der Poetik, in dem es um die Komödie geht, als verschollen gilt, und im Sinne von Horst Johanning.

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